Ich habe in den letzten Jahren viel über soziale Mechanismen nachgedacht, die auf mich wirken und die dazu führen, dass ich mich auf eine gewisse Art und Weise verhalte. Ich werde hier ein wenig meine Gedanken niederschreiben.

Zunächst möchte ich die Kräfte, die normierend auf mich einwirken, in drei grobe Kategorien einteilen: Werte, Normen und Gesetze. Werte sind die Dinge von denen ich überzeugt bin, dass sie richtig sind und nach denen es sich lohnt zu handeln. Ob diese Werte rational begründet sind, oder beispielsweise aus einer religiösen Ansicht hervorgehen, ist dabei unerheblich. Werte sind die Kräfte, denen ich gerne nachkomme.

Dem gegenüber stehen die Gesetze. Gesetze wirken auf mich, aber ich muss nicht an sie glauben, ich muss sie nur befolgen, weil mir sonst Strafe droht. Allerdings befreien mich Gesetze davon, mich damit zu beschäftigen ob es moralisch gut ist über die Rote Ampel zu gehen oder nicht. Gesetze, vor allem verschriftlichte Gesetze, sind eine Errungenschaft, die es Menschen unterschiedlicher Wertvorstellungen erlaubt miteinander auszukommen. Kriege, die mit religiöser Begründung geführt werden, sind Konflikte von Wertesystemen. "Der andere Christ ist des Tötens wert, weil er an eine andere Interpretation der Dreifaltigkeit Gottes glaubt". Unter diesem Aspekt ist die Juristifizierung der Gesellschaft eine Befreiung und eine Befriedung. Für mehr Details zu diesem Gedankengang, den nicht ich mir ausgedacht habe, empfehle ich SWR2 Aula: Normen für Manager.

Zwischen diesen beiden Polen der Werte und der Gesetze, stehen, in meiner Aufteilung, die Normen. Normen sind Kräfte die auf meine sozialen Interaktionen wirken, die allerdings nicht von Außen kontrolliert werden, wie dies bei den Gesetzen der Fall ist. An Normen muss ich auch nicht zwangsläufig glauben, ich kann sogar meine internalisierten Normen verabscheuen und mich ihnen dennoch beugen. Das perfide an Normen ist, dass der Wächter des Normengefängnisses mein eigener Geist ist. Und ich selbst bekomme natürlich alles mit was ich denke. Mein Geist hat die wirkliche Fähigkeit zur Gedankenpolizei.

Normen sind immer internalisierte Regeln des Zusammenlebens. Das macht sie allerdings nicht unbedingt verabscheuenswert. Ich bin beispielsweise der Meinung, dass es nicht nur ein Gesetz geben muss, dass Mord verbietet, sondern dass auch jeder die Norm internalisiert haben sollte, Mord sei böse. Am liebsten ist es mir sogar, wenn alle den Wert vertreten, Mord sei unmöglich. Normen erfüllen also auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Allerdings tragen Normen auch maßgeblich zur Trägheit einer Gesellschaft bei. Diesen Punkt möchte ich weiter ausführen und ziehe dabei das Beispiel der Homosexualität heran.

Inzwischen sind wir gesellschaftlich so weit, dass wir Gesetze haben, die Homosexualität nicht mehr verbieten (jedenfalls in sehr vielen Ländern, über die anderen mag ich gerade gar nicht sprechen). Wir haben vielleicht sogar eine große Wertakzeptanz von Homosexualität erreicht. Allerdings heißt dies nicht, dass es nicht viele Menschen gibt die eine internalisierte Homophobie in sich tragen. Diese internalisierte Homophobie erlaubt es ihnen unter Umständen nichtden eigenen Gelüsten nachzugehen ohne sich schuldig zu fühlen. Gesetze lassen sich in einer Parlamentsabstimmung ändern, Werte können durch eine einzige Diskussion verändert werden, aber Normen, die wir gelernt haben, bleiben häufig ein Leben lang. Die eigenen Normen zu hinterfragen ist eine schwierige Angelegenheit.

Und wieso ist das so? Wieso ist es so schwer die eigenen Normen zu hinterfragen. Ich glaube, dies liegt daran, dass durch den Prozess der Internalisierung der Norm (dem Erlernen der Norm), wir vermittelt bekommen haben, dass der Inhalt dieser Norm kausal ist. "Mädchen können kein Mathe", "Frauen können nicht einparken", "Männer weinen nicht, und tun sie es doch sind sie schwach", "Homosexualität ist abnormal". Und wir haben diese Normen so oft gehört und so oft gelesen, dass Menschen scheinbar kausale Erklärungen für diese Normen gefunden zu haben scheinen (die Wissenschaft hat sich die Hände sehr schmutzig gemacht), dass wir daran glauben, dass es die rationale Wahrheit ist.

Aber etwas anderes ist häufig der Fall: Normen beinhalten häufig nur Scheinkausalitäten. Weil wir die Normen internalisiert haben, glauben wir, dass der Inhalt der Norm kausal ist und wir nehmen jeden Strohhalm um dies zu untermauern. Aber hat der Platz zwischen meinen Beinen wirklich etwas damit zu tun, wie ich einparke? Oder hat ein Mann wirklich andere biologische Anlagen Tränen zu produzieren?

Das Hinterfragen und Ablegen von Normen geht damit einher, dass wir diese Scheinkausalitäten aufbrechen. Wir fangen an zu hinterfragen, ob mein Penis wirklich etwas mit meinem räumlichen Vorstellungsvermögen zu tun hat und wie zum Teufel ich damit das Lenkrad bedienen soll; besteht da wirklich ein kausaler Zusammenhang. Oder handelt es sich nur um eine Scheinkausalität, die wir erlernt haben und die sozial konstruiert ist und wir durch beständiges wiederholen in den Köpfen sedimentieren.

hugs

Nice point on sham causality! I can imagine this playing into a lot of strawman rationality as well.

The take-away message I get from this is 'do a rationality check on everything your intuition tells you' but I am not sure that is the proper way to distinguish between my values (= the things I want to stick to), and the norms I apply. What is your practical approach here? How do you untrain your norms? In that context I would suggest the book 'Thinking fast and slow' to you!

Take care, Mary

Comment by Anonymous Fri 24 Oct 2014 08:11:27 PM GMT