Vor zwei Wochen hatte ich die Möglichkeit an der Jubiläumsfeier des Bayrischen Elitenetzwerkes teilzunehmen. Das bayrische Elitenetzwerk (ENB) ist der größere Rahmen des Max-Weber Programms (MWP), in dem ich gefördert werde. Ich gehöre demnach dieser "Elite" an unabhängig davon, wie ich den Begriff verstehe. Aus diesem Grund werde ich meine Beobachtungen und meine Einschätzungen zu diesem Ereignis kundtun.

Das Publikum bei der Veranstaltung war sehr gemischt. Es waren neben Stipendiaten und Promotionsstudenten in den Doktorandenkollegs viele Professoren und einige politische Würdenträger anwesend. Darunter auch der Bayerische Wissenschaftsminister Dr. Ludwig Spaenle. In der gesamten Veranstaltung hatte ich das Gefühl als Statist einer politischen Inszenierung aufzutreten. Das hätte ich mir zwar denken können, aber es hat mich dann doch stärker getroffen, als ich das vorher gedacht hatte.

Die Veranstaltung bestand zu großen Teilen aus Reden, in denen sich die Professoren und Würdenträger gegenseitig auf die Schulter geklopft haben, was für einen großen Wurf sie mit dem Elitenetzwerk Bayern geschaffen haben. Der Begriff "Elite", der im Namen auftaucht und der in Deutschland aufgrund Nationalsozialistischer Vergangenheit verbrannt ist, wurde mit dem ENB wieder salonfähig gemacht. Davon ist meiner Erfahrung nach bei den Stipendiaten nichts zu spüren. Man spottet häufig zur Elite zu gehören, man schmückt sich nicht mit dem Namen und viele Stipendiaten mit denen ich geredet habe, fühlen sich mit den Begriff der Elite unwohl.

Besonderer Höhepunkt war die Festrede des Wissenschaftsministers, der aus meiner Sicht völlig desinteressiert war und schnell wieder verschwand. Zu Schade dass er der erste Festredner war und für die zweite Festrede, die deutlich substantieller war, noch bleiben musste. Auch ist in keiner Weise auf die Probleme von Universität, die wir vorher lang und ausführlich diskutiert hatten, eingegangen worden.

Angenehm und produktiv war in meinen Augen die Forumsdiskussion in der ich war. Es ging darum wie sich das Humboldtsches Bildungsideal, also die Einheit von Forschung und Lehre, mit der aktuellen Situation der Massenuniversität vereinbaren lässt. Die Idee bei diesem Ideal ist der Wissenschaftler, der sich zurückzieht und mit einem kleinen Kreis von Studierenden Forschung betreibt. Das war zu der Zeit als dies erdacht wurde ebenso unfinanzierbar, wie es das heute ist. Dennoch fand ich die Diskussion höchst spannend, weil es die Frage aufwirft, wie man mit den unterschiedlichen Herangehensweisen von Studierenden an Universität umgeht. Der eine möchte "nur" eine gute Ausbildung machen und später in der Industrie arbeiten, der andere interessiert sich über sein Fach hinaus, möchte Wissenschaft machen und um der Erkenntnis Willen lernen.

Ein Konzept, was ich in der Hinsicht sehr attraktiv finde, ist neben einem "normalen" Studiengang noch einen forschungsintensiven Bachelor/Master zu haben, der parallel läuft. Der Studierende kann sich nach einigen Semestern bewerben und in den Forschungsstudiengang wechseln. In dem gibt es dann, neben der normalen Grundausbildung, viele Forschungspraktika, interdisziplinäre Arbeitswochen und eine eingebettete Promotion. Dies bringt die Studierenden frühzeitig mit Forschung in Berührung. Eine Schwierigkeit, die es dabei zu vermeiden gilt, und die ich auch als kritisch sehe ist, dass man die "normalen" Studierenden deswegen nicht vernachlässigen darf. Man darf sich nicht auf die Argumentation einlassen: "Die werden später keine Forschung machen, deswegen bekommen sie weniger Aufmerksamkeit und weniger Betreuung". In Bayern gibt es bisher eine solche Konstruktion, einen zweigleisigen Physikstudiengang in Erlangen. Alle anderen forschungsorientierten Studiengänge sind in Bayern spezialisierte Masterstudiengänge. Dabei sehe ich das Problem der geringeren Durchlässigkeit. Es ist eine größere Hürde zu wechseln und wieder zurück zu wechseln. Außerdem ist damit unter Umständen ein Umzug verbunden, was die Hemmschwelle noch nach oben setzt. Das ganze läuft unter dem großen Oberbegriff der Binnendifferenzierung.

Mein persönliches "Highlight" der Veranstaltung war der Vertreter der Bayrischen Metall- und Elektroindustrie (VBM). Da wurde von den Stipendiaten in der Rede als Ressource gesprochen, die man veredeln muss und die man später abbauen und für die Industrie verwenden kann. Es ging nicht um die Bildung der Stipendiaten oder um gute Wissenschaftler, sondern ganz eindeutig um den Stipendiaten als Quelle neuer Profite. Der VBM hat 2004 das ENB mit 7 Millionen Euro anfinanziert. Ich als Mensch fühle mich richtig wert geschätzt.

Alles in allem war es die Veranstaltung nicht wert besucht zu haben. Aber ein Gedanke, den ich bei einer anderen MWP Veranstaltung gehört habe und der mich wieder etwas versöhnt mit dem Elitegedanken ist dieser:

Wir als Elite sind die Speerspitze der Gesellschaft. Aber vielleicht ist der Speer ein anderer als der gedachte.

Das Konzept mit einem "parallelen" Studiengang, von dem du gesprochen hast, ist sehr interessant und sollte durchaus gefördert werden. Neben dem Physikstudiengang als Beispiel, gibt es aber noch die Bavarian Graduate School of Computational Engineering, die (abgesehen von einer vorzeitigen Promotion) genau die Aspekte behandelt, die du angesprochen hast: Dieser Elitestudiengang, für den man sich im Laufe des ersten (Master-)Semesters in Computational Engineering bewerben kann und der zusammen mit zwei weiteren Masterprogrammen der TUM (Computational Mechanics und Computational Science and Engineering) durchgeführt wird, läuft parallel zum normalen Master und soll einen früheren Zugang zur Forschung ermöglichen. Hierzu wird verlangt, dass man eine zusätzliche Projektarbeit (10ECTS) anfertigt, sowie Soft-Skill (10ECTS) und fachliche Kurse (10ECTS) belegt. Am Ende winkt einem der M.Sc.(hons), falls einem der Aufwand allerdings zu viel sein sollte, "fällt" man einfach in das normale Programm, das ganz normal weiterläuft, zurück. VG Volkan

Comment by Anonymous Mon Apr 7 15:17:20 2014